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Ein Werkzeugkasten auf dem Kotflügel, eine Kabeltrommel im Diorama, ein Lüftungsgitter, das im Bausatz fehlt: Irgendwann kommt jeder Modellbauer an den Punkt, an dem es das gewünschte Teil nicht zu kaufen gibt. Dann hilft Scratchbau – das Selbstbauen von Teilen aus Rohmaterial. Das englische scratch steht dabei für „von Null an“.
Das Foto oben zeigt, was im Extremfall möglich ist: eine komplett selbst gebaute Corsair, ohne Bausatz. So weit muss niemand gehen. Für die meisten Modellbauer beginnt Scratchbau mit einem kleinen Teil – und das ist mit Polystyrol, etwas Werkzeug und Geduld einfacher, als es klingt.
Warum Polystyrol?
Polystyrol (kurz Styrol) ist derselbe Kunststoff, aus dem fast alle Plastikbausätze bestehen. Das hat drei große Vorteile:
- Es lässt sich mit normalem Plastikkleber verkleben – auch mit Bausatzteilen.
- Es ist leicht zu schneiden, zu schleifen und zu bohren.
- Es nimmt dieselben Farben und Grundierungen an wie der Bausatz.
Polystyrol gibt es als weiße Platten in vielen Stärken, als Rundstäbe, Rohre, Vierkant-, I-, T- und L-Profile sowie als Strukturplatten mit Wellblech-, Bretter- oder Pflasteroptik. Der bekannteste Hersteller ist Evergreen aus den USA, dessen Maße ursprünglich in Zoll gedacht sind – deshalb findest du oft krumme Millimeterangaben wie 0,25 mm (0,010 Zoll) oder 3,2 mm (1/8 Zoll).
Das Grundsortiment für den Anfang
| Material | Wofür | Tipp |
|---|---|---|
| Platte 0,25 mm | Abdeckungen, Klappen, Verkleidungen, Schablonen | lässt sich biegen und mit der Schere schneiden |
| Platte 0,5 mm | Kästen, Böden, Wände | die vielseitigste Stärke |
| Platte 1,0 mm | Grundkörper, Sockel, stabile Teile | wird angeritzt und gebrochen |
| Rundstab 1–3 mm | Leitungen, Griffe, Achsen, Rohre | dünne Stäbe lassen sich warm biegen |
| Vierkantprofile und -rohre | Rahmen, Gestelle, Kanten | als Verstärkung in Kästen |
| I- und T-Profile | Träger, Brücken, Hallen | wichtig im Diorama- und Modellbahnbau |
| Strukturplatte | Wellblech, Bretterwände, Paneele | spart viel Gravurarbeit |
Polystyrol für den Scratchbau
Platten in drei Stärken, Rundstäbe, Rohre und Profile – damit lässt sich fast alles bauen.
Erhältlich bei Modellbau-Universe
Werkzeug
Das meiste hast du vermutlich schon, wenn du Bausätze baust:
- Bastelmesser mit frischen Klingen und ein Stahllineal,
- ein Winkel oder ein kleines Anschlagdreieck für rechte Winkel,
- Schleifpapier in mehreren Körnungen, am besten auf ein flaches Brett geklebt,
- ein Handbohrer (Pin Vise) mit kleinen Bohrern,
- eine feine Säge für Profile und dicke Platten,
- eine Reißnadel zum Anreißen und Gravieren,
- dünnflüssiger Plastikkleber, der per Kapillarwirkung in die Fuge läuft.
Werkzeug für Scratchbau
Reißnadel, feine Säge, Gravierschablone und dünnflüssiger Kleber – die Basis für eigene Teile.
Erhältlich bei Modellbau-Universe
Ausführlich besprechen wir die Grundausstattung im Ratgeber Modellbau-Werkzeug.
Die Grundtechniken
Anritzen und Brechen
Platten bis etwa 1 mm Stärke werden nicht durchgeschnitten, sondern angeritzt und gebrochen: Lineal anlegen, mit dem Messer zwei-, dreimal leicht entlangziehen, dann die Platte über eine Tischkante biegen. Sie bricht sauber entlang der Linie. Die Bruchkante glättest du mit Schleifpapier.
Lieber dreimal leicht als einmal kräftig ritzen. So läuft die Klinge nicht aus der Spur, und das Lineal rutscht nicht weg.
Kleben
Polystyrol wird nicht geklebt, sondern verschweißt: Der Kleber löst die Oberflächen an, sie verbinden sich und härten wieder aus. Am saubersten geht das mit dünnflüssigem Kleber: Teile in Position halten, einen Pinsel mit Kleber an die Fuge tippen, die Kapillarwirkung zieht ihn hinein. Mehr zu Klebersorten erklärt der Ratgeber Modellbau-Kleber.
Kästen bauen
Fast jedes Teil lässt sich auf Kästen und Zylinder zurückführen. Für einen Kasten schneidest du Boden, Deckel und Seiten zu. Dabei musst du die Plattenstärke einrechnen: Die Seitenwände sitzen entweder zwischen oder neben den anderen Teilen. Ein kleines Vierkantprofil innen in den Ecken macht den Kasten stabil und hilft beim Ausrichten.
Rundungen und Zylinder
Für runde Formen gibt es Rundstäbe und Rohre. Rohre lassen sich ineinanderschieben – so entstehen Stufen, Flansche oder Teleskopteile. Dünne Platten (0,25 mm) wickelst du um einen Stab und verklebst sie zu einem eigenen Rohr.
Gravieren und Nieten
Für Klappen und Blechstöße ritzt du mit der Reißnadel entlang einer Schablone oder eines Klebebands. Nieten stellst du mit einem feinen Nietrad dar, oder du setzt winzige Scheiben von dünnem Rundstab auf. Gravierschablonen aus Ätzblech helfen bei runden und eckigen Wartungsklappen.
Gestreckter Gießast
Ein Klassiker unter den Scratchbau-Techniken: Ein Stück Gießast vom Bausatz wird über einer Kerzenflamme vorsichtig erwärmt, bis es weich ist, und dann auseinandergezogen. So entstehen haarfeine Stäbe für Antennen, Kabel oder Spanndrähte – aus genau demselben Kunststoff wie der Bausatz.
Kunststoff nur erwärmen, nicht brennen lassen, und den Raum gut lüften. Kinder sollten diese Technik nur unter Aufsicht ausprobieren.
Andere Materialien kombinieren
Polystyrol ist die Basis, aber nicht für alles das Beste:
- Messingrohr und -draht sind stabiler und dünner möglich als Kunststoff – ideal für Pitotrohre, Antennen, MG-Läufe oder Fahrwerksstreben.
- Kupferdraht eignet sich für Kabel und Bremsleitungen.
- Dünne Alu- oder Zinnfolie für Gurte, Halterungen und Flicken.
- Zweikomponenten-Spachtel für organische Formen, Säcke oder Erdhügel.
Achtung beim Kleben: Plastikkleber verbindet nur Kunststoff mit Kunststoff. Metall wird mit Sekundenkleber oder 2-Komponenten-Kleber befestigt.
Messing und Spachtel
Hauchdünnes Messingrohr für feine Teile und Epoxy-Spachtel für freie Formen.
Erhältlich bei Modellbau-Universe

Ein erstes Projekt: Werkzeugkiste für das Diorama
Ein ideales erstes Scratchbau-Projekt ist eine kleine Werkzeugkiste für ein Diorama oder einen Fahrzeugkotflügel:
- Maße festlegen: Eine echte Werkzeugkiste von 50 × 25 × 25 cm ist in 1:35 etwa 14 × 7 × 7 mm groß. Einfach die Originalmaße durch die Maßstabszahl teilen.
- Teile zuschneiden: Boden und Deckel aus 0,5-mm-Platte, die Seitenwände so, dass sie zwischen Boden und Deckel passen.
- Kasten verkleben: Erst Boden und zwei Seiten, rechtwinklig ausrichten, trocknen lassen, dann die übrigen Seiten und den Deckel.
- Kanten schleifen: Den Kasten auf dem Schleifbrett plan ziehen, bis keine Fugen mehr zu sehen sind.
- Details: Griffe aus dünnem Rundstab, Scharniere aus einem schmalen Streifen 0,25-mm-Platte, ein Schloss aus einem winzigen Plattenrest.
- Grundieren und lackieren wie jedes andere Bausatzteil.
Für Dioramen sind solche Kleinteile Gold wert, denn sie erzählen Geschichten. Mehr dazu im Ratgeber Diorama bauen. Auch Modelleisenbahner profitieren: Viele Gebäude, Laderampen und Brücken lassen sich aus Polystyrolprofilen ergänzen – siehe Modellbahn-Gebäude bauen.
Originalmaß in Millimetern geteilt durch die Maßstabszahl ergibt das Modellmaß. Beispiel: 2 m in 1:48 → 2000 mm ÷ 48 ≈ 42 mm. Eine Übersicht über gängige Maßstäbe findest du in Modellbau-Maßstäbe.
Scratchbau als Geschenkidee
Ein Sortiment aus Polystyrolplatten, Rundstäben und Profilen ist ein überraschend gutes Geschenk für erfahrene Modellbauer und Modelleisenbahner. Es veraltet nicht, passt zu jedem Projekt und wird garantiert aufgebraucht. Zusammen mit einer Reißnadel oder einer feinen Säge wird daraus ein kleines Scratchbau-Starterpaket. Weitere Ideen findest du in den Geschenken für fortgeschrittene Modellbauer.
Häufige Fragen
Welche Plattenstärke brauche ich am häufigsten?
Für die meisten Teile in 1:35 und 1:48 ist 0,5 mm die vielseitigste Stärke. Dazu kommen 0,25 mm für feine Abdeckungen und 1,0 mm für stabile Grundkörper.
Kann ich Polystyrol mit Bausatzteilen verkleben?
Ja, beide bestehen aus demselben Kunststoff. Normaler Plastikkleber verschweißt sie fest miteinander.
Was ist der Unterschied zwischen Polystyrol und ABS?
ABS ist zäher und wird zum Beispiel für manche Profile und Fertigteile verwendet. Es lässt sich nicht mit jedem Plastikkleber verbinden. Für den Einstieg ist Polystyrol unkomplizierter.
Muss ich selbst gebaute Teile grundieren?
Ja, wie jedes Bausatzteil. Auf der weißen Oberfläche sieht man außerdem Fugen und Kratzer erst nach dem Grundieren richtig – siehe Modell grundieren.
Ist Scratchbau etwas für Anfänger?
Kleine Teile wie Kisten, Kanister oder Platten im Diorama gelingen schon nach wenigen Bausätzen. Komplette Umbauten sind etwas für Erfahrene.
Scratchbau beginnt nicht mit einem kompletten Flugzeug, sondern mit einer kleinen Kiste. Mit einem Grundsortiment aus Polystyrolplatten und Profilen, einem scharfen Messer und dünnflüssigem Kleber baust du Teile, die es nirgends zu kaufen gibt – und machst dein Modell damit einzigartig. Wer später noch feiner werden will, kombiniert Kunststoff mit Messing und Ätzteilen.



















